Podium: Zum Begriff der Arbeit
Ernst Lohoff (Krisis), Thomas Atzert (sofo / Untersuchungsgruppe Rhein-Main)

In dieser Veranstaltung soll ein Begriff geklärt werden, der wohl für die Gesellschaftskritik schlechthin zentral ist – der Begriff der Arbeit. Allerdings wird die Arbeit aus unterschiedlicher Richtung bestimmt. Ernst Lohoff, u.a. Redakteur und Autor der Zeitschrift Krisis, wird eine Kritik der Arbeit aus wertkritischer Perspektive vornehmen, Thomas Atzert dagegen, Redakteur der Subtropen und u.a. Übersetzer von Empire, eine Kritik der Arbeit aus der Sicht des Post-operaismus. Obwohl aus beiden Perspektiven eine Kritik an der Arbeit und keine Kritik im Namen der Arbeit ansteht, wie im traditionellen Marxismus, knüpfen beide in der Kritik an der Arbeit an die Marxsche Ökonomiekritik an. Allerdings in unterschiedlicher Weise. Um jene Gemeinsamkeiten in der Kritik an der Arbeit und um diese Unterschiede in der konkreten Bestimmung dieser Kritik wird sich die Veranstaltung drehen.

Abstract von Thomas Atzert:

Beitrag zum Podium von Thomas Atzert (sofo / Untersuchungsgruppe Rhein-Main)
Immaterielle Arbeit

¿Cuál es tu huelga? [Was ist dein Streik?]
Precarias a la Deriva

Arbeit ist immer materiell. Das ist so. Eine radikale Kritik der Arbeit kann sich damit kaum zufrieden geben. Ihr geht es nicht um die Feststellung des Bestehenden, sondern um seine Veränderung, darum, mit dem, was und wie’s ist, zu brechen. Was Arbeit anbelangt, hieße eine solche emanzipatorische Perspektive vor allem Befreiung der Nicht-Arbeit.
Wenn wir also von immaterieller Arbeit sprechen, so deshalb, um einen wesentlichen Aspekt der Veränderungen, die kapitalistische Gesellschaften seit den 1970er Jahren durchlaufen, nicht aus den Augen zu verlieren: Sprache, Kommunikation, Wissen und Affekte sind entscheidende Elemente gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion heute. Diese Veränderungen lassen sich ich unter einer doppelten sozialhistorischen Perspektive diskutieren: Der Begriff der immateriellen Arbeit verweist erstens auf das Problem der Neuzusammensetzung der gesellschaftlichen Arbeit in der Gegenwart. Nicht einzelne Verrichtungen sind als »immateriell« zu identifizieren, vielmehr wäre zu fragen, wie Arbeitsteilung und Kooperation insgesamt durch eine Dominanz sprachlichen, kommunikativen, kognitiven und affektiven Handelns bestimmt sind. Die Perspektive der Neuzusammensetzung ist dabei keine technische, sondern orientiert sich an den Dynamiken sozialer Kämpfe und Konflikte gegen Ausbeutung, Herrschaft und Unterwerfung. Das führt unmittelbar zum zweiten Aspekt, nämlich zu der Frage, was Ausbeutung und – vor allem – was Widerstand gegen Ausbeutung heute heißt.
In dieser Perspektive auf Neuzusammensetzung, Ausbeutung und Widerstand soll im Workshop die Auseinandersetzung gesucht werden, auf der Suche nach dem Gemeinsamen und möglichen zukünftigen Linien des Konflikts.

Abstract von Ernst Lohoff:

Arbeit ist kapitalistische Tätigkeitsform
Beitrag zum Podium „Zum Begriff der Arbeit“ von Ernst Lohoff (Redaktion krisis)

Noch immer geheimnissen Linke in die Arbeit eine emanzipative Potenz hinein, so etwa Hardt/Negri, mit ihrer „neuen Ontologie der Arbeit“. An die Stelle der unmittelbaren Arbeit im Produktionsprozess ist bei ihnen zwar die „immaterielle Arbeit“ getreten, doch der positive Bezug bleibt erhalten. Fundamentale Kapitalismuskritik erkennt dagegen in Kapital und Arbeit zwei Seiten des gleichen gesellschaftlichen Abstraktions- und Zurichtungsprozesses. Die Arbeit ist eine historisch-spezifische Form der Tätigkeit und damit zugleich das zentrale Vermittlungsprinzip des Kapitalismus. Also solches ist sie konstitutiv für den destruktiven Selbstlauf der Verwertung ebenso wie für den Ausschluss aller nicht warenproduzierenden Tätigkeiten aus dem Universum der gesellschaftlichen Anerkennung und die damit verbundene Geschlechterhierarchie.