Podium: Klasse/Klassenkampf/soziale Kämpfe/Multitude

Gerhard Hanloser (Soziologe,Autor), Sven Ellmers (Ruhr Uni Bochum), Robert Foltin (Grundrisse)

In den letzten 150 Jahren der Geschichte der radikalen Linken gab und gibt es die Analyse – wenn auch heute nicht mehr von allen geteilt – es existiere ein revolutionäres Subjekt, das aufgrund seiner objektiven Funktion in der kapitalistischen Vergesellschaftung früher oder später zur subjektiven Einsicht in die Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus kommen muss. Eine Klasse also ihr klassenspezifisches Interesse verfolge und damit das allgemeine Interesse der gesamten Menschheit ausdrückt – den Kommunismus.
Spätestens seit dem Kommunistischen Mannifest von Marx und Engels gilt es bei vielen Linken als Banalität, dass die Klasse des Proletariats sich von einer Klasse an sich in eine Klasse für sich verwandelt, damit ihr Klasseninteresse erkennt und also die Revolution in die Wege leitet.

In den letzten 150 Jahren gab es aber neben einigen Siegen der Arbeiterklasse vor allem auch verheerende Niederlagen. Und mehr als einmal war es eben diese Arbeiterklasse, die ihr eigenes Klasseninteresse „verriet“, bzw. sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen gemein machte.
Der mit wehenden Fahnen begangene Anschluss der deutschen Arbeiterklasse an das deutsche Barbareikollektiv im Nationalsozialismus, ist da nur das krassestes Beispiel.

Nach dem zweiten Weltkrieg – um genauer zu sein in der Zeit von 1968 bis 1977 -flammten weltweit vereinzelt soziale Kämpfe noch mal auf, die in Teilbereichen wie z.B. dem „Kampf gegen die Arbeit“ ein großes emanzipatorischen Potenzial zu haben schienen. Die soziologische Reflexion dieser Kämpfe führte in Italien zur Theorie des Operaismus.
In der Tradition dieser Theorieströmung steht Gerhard Hanloser, der zahlreiche Bücher veröffentlichte und längere Zeit für die Zeitschrift Wildcat schrieb.
Er verweißt darauf, dass ein Antikapitalismus der nicht mehr von Klasse redet reaktionär bzw. verkürzt sei, da ein Antikapitalismus ohne Klasse letztendlich nur Idealistische Philosophie betreibe.
Hier ist zu fragen: Wieso ist der Klassenkampf der Schlüssel zum Kommunismus? Und wie könnte die Linke in diesen intervenieren?

Andere Teile der Linken gehen seit den 80`er Jahren der Frage nach, wieso sich das eigentlich „revolutionäre“ Subjekt so oft mit den Interessen des Kapitals gemein macht. Sei es, weil dieses mit seinen integrierbaren Forderungen im Reformismus dahin vegetiert, oder im schlimmeren Fall reaktionär wird.
Die Kritik an der positiven Sicht auf das revolutionäre Subjekt brachte die so genannt Wertkritik hervor, diese gab den Kampf um die Klasse auf, aufgrund der Analyse, dass der Klassenkampf sich nur um die Verteilung dessen, was mit der kapitalistischen Ausbeutung gewonnen wird, dreht, aber niemals den Kapitalismus als Ganzes ins Visier nimmt.
Sven Ellmers, von der Roten Ruhr Uni vertritt diese Wertkritik und zeigt auf, dass der Klassenbegriff bei Marx sich selbst immer wieder verschoben hat. Während im kommunistischen Manifest das Proletariat der Motor der Geschichte war („Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“) sind es im Kapital die zentralen Basiskategorien: Wert, Tausch, Fetisch usw.
Daran schließen sich die Fragen an: Hat sich der Klassenbegriff tatsächlich verschoben? Warum sprengten Klassenkämpfe doch teilweise den Rahmen des Bestehenden? Warum könnten diese Kämpfe das Wertgesetzt nicht sprengen? Und gibt es überhaupt Möglichkeiten ohne Klassenkampf zum Kommunismus zu kommen?

Während also die Operaisten einen grundsätzlich positiven Klassenbegriff vertreten, und die Wertkritiker dagegen auf die objektiven Gesetzmäßigkeiten des Wertgesetzes und damit die Integrierbarkeit des Klasseninteresses verweisen, sehen die Postoperaisten in der postulierten Veränderung des Kapitalismus die Möglichkeit des neuen revolutionären Subjekts – der politischen Multitude.
Durch die veränderten Produktionsverhältnisse, bzw. der steigenden Bedeutung der immateriellen Arbeit, sei dieses neue, nichteinheitliche Subjekt entstanden. Dieses existiere als ausdifferenziertes Netzwerk, die Bewegung der Bewegungen, die in der politischen Praxis entsteht. Die Kämpfe fänden jetzt nicht mehr in der Fabrik statt, sondern in der ganzen Gesellschaft, weil überall und immer Wissen und damit immaterielle Güter produziert werden.
Lässt sich die Analyse eines neuen revolutionären Subjekts halten oder ist es nur alter Wein in neuen Schläuchen? Steht die Multitude tatsächlich dem Kapitalismus gegenüber oder wird sie nicht doch eher integriert? Wo/wie und vor allen Dingen mit welcher Kritik finden denn die Kämpfe überhaupt statt? Ist die Theorie eines veränderten Kapitalismus überhaupt zu halten?

Um es auf den Punkt zu bringen: Bei dieser Veranstaltung geht es um nichts Geringres als die Frage: Gibt es ein Subjekt, dass den „Way out“ wählen könnte? Und: Wie könnte es aussehen – oder wie sieht es zumindest ganz bestimmt nicht aus?

Abstract Gerhard Hanloser:

Beitrag zum Podium von Gerhard Hanloser (Soziologe, Autor)

Ich werde auf dem Podium zu „Klasse/Klassenkampf/Multitude“ begründen, warum der Klassenbegriff wichtig ist, wenn es in Theorie und Praxis „ums Ganze“ geht. Antikapitalismus ohne Klassenbegriff läuft Gefahr, entweder reaktionär oder zu bloßer – nicht mehr die Verhältnisse sprengende – Kulturkritik zu werden. Vor diesem Hintergrund scheint es kritikwürdig, dass die Wertkritik ohne Klassenbegriff auszukommen meint.
Gleichzeitig kommt aber auch dem Multitude-Begriff der Post-Operaisten keine sprengende Kraft zu.

Abstract Robert Foltin:
Beitrag zum Podium von Robert Foltin (Grundrisse)

Multitude als Klassenkonzept
Das „revolutionäre Subjekt“ ArbeiterInnenklasse entstand in den Kämpfen des Proletariats, und wurde über die Organisationen der ArbeiterInnenbewegung in den Kapitalismus integriert. In den Kämpfen um und nach 1968, die andere Bereiche der Vergesellschaftung als die über die Lohnarbeit betrafen (Reproduktion, Wissen, Kultur, Sexualität, Körper), bildeten sich „Subjekte“ mit vielfältigen Identitäten heraus. Auch diese Bewegungen, etwa der Schwulen und Lesben, wurden in die herrschenden Strukturen integriert, entweder über staatliche Anerkennung oder über Kommerzialisierung, die Anerkennung als KonsumentInnen.

Das Produktivwerden für das Kapital bedeutet nicht, dass es nicht weiter zu Brüchen und Widerständigkeiten kommt. Das Konzept der Multitude ist ein Versuch, im gemeinsamen Handeln wieder ein revolutionäres Projekt zu entwickeln. Die Krise der repräsentierenden traditionellen Linken ist dabei nicht nur von Nachteil, sondern macht den Weg frei für kommunizierende und kooperierende Aktionsformen, die keine Vereinheitlichung in staatsorientierten Organisationen mehr suchen.