Podium: Immaterielle Arbeit und Ware Wissen
Stefan Meretz (Wege aus dem Kapitalismus), Frieder Otto-Wolf (FU Berlin)

Der Begriff der „immateriellen Arbeit“ nimmt im Post-Operaismus eine
zentrale Stellung ein. Motiviert durch die zunächst soziologische
Diagnose, wonach die kapitalistische Arbeitswelt durch den Übergang vom
Fordismus zum Postfordismus eine tiefgreifende Transformation durchläuft,
betreiben post-operaistische Theoretiker (Negri, Hardt, Lazzarato, Virno)
mit diesem Begriff eine Neuinterpretation von Marx’ Kritik der
politischen Ökonomie, die sich vornehmlich auf die Marxschen Grundrisse
(1857/8) stützt. In Empire (2000) fordern Negri/Hardt nicht weniger als eine
„neue Ontologie der Arbeit“ sowie eine „neue, politische Werttheorie“,
die sich auf Wissen, Kommunikation und Sprache – eben auf immaterielle
Arbeit – gründet. Auch andere zentrale Begriffe des Post-Operaismus wie
General Intellect, Multitude und Massenintellektualität kreisen um den
Begriff der immateriellen Arbeit, von dessen Entwicklung zudem eine
„neue Theorie der Subjektivität“ erwartet wird. Im Begriff der
immateriellen Arbeit liegt das post-operaistische Versprechen begründet, dass die
Produkte und Praktiken der immateriellen Arbeit bereits kollektive
Praxis und positive Gemeinschaft sind. Im Postfordismus liege danach
bereits ein auf Wissen, Kommunikation und Kooperation gegründeter
‚Kommunismus des Kapitals’ vor. Dieses Gemeinschaftliche werde vom Kapitalismus
erst nachträglich enteignet, indem er die eigentlich schon
gemeinschaftlich produzierten immateriellen Arbeiten in die privatwirtschaftliche
Form des Eigentums zurückzieht.

Diese post-operaistische Aufwertung des Begriffs der immateriellen
Arbeit geht allerdings einher mit der Abkehr von einer anderen Marxschen
Begrifflichkeit: der abstrakten Arbeit. Zugespitzt ließe sich sogar
feststellen, dass im Post-Operaismus die immaterielle die abstrakte Arbeit
als entscheidende Kategorie der Marxschen Kapitaltheorie ablöst. Die
immaterielle Arbeit mit ihrem Anspruch einer neuen Theorie der
Subjektivität steht damit jenseits vom Begriff der abstrakten Arbeit, der im
weitesten Sinne gerade auf eine subjektlose, jedenfalls bewusstlos-blinde
Konstitution von gesellschaftlicher Objektivität abstellt.

Wir – die Gruppe Zlatan Orek – möchten diskutieren, warum gerade die
Thematisierung und Kritik der so genannten immateriellen Arbeiten, also
auch des Wissens, von marxistischem Interesse sind. Welche Ideen von
Gemeinschaften bzw. einer kommunistischen Utopie jenseits kapitalistischer
Verhältnisse erschließt sich aus diesen Behauptungen? Und was
legitimiert die Annahme, dass die immaterielle Arbeit oder das Wissen so etwas
wie der Virus im Kapital sei? Und schließlich verstehen wir den
Post-Operaismus gerade in seiner Aufwertung der immateriellen Arbeit als
dringenden Anlass, noch einmal zurück zu Marx und seiner Bestimmung der
abstrakten Arbeit zu gehen.

Frieder Otto Wolf wendet sich gegen die fixe Idee, Marx auf eine
frühere Stufe seines Forschungsprozesses zurück zu schrauben, also die
Grundrisse gegen das Kapital auszuspielen, wie dies z.B. von Negri und Virno
mit der Betonung des „General Intellect“ getan wird. Außerdem regt er
an, den Begriff der Materialität weniger platt zu denken, als ‚dass es
raucht und stinkt‘ – etwa auch philologische Arbeit oder
Beziehungsarbeit hat ihre Materialität ist also nicht einfach ‚immateriell‘. Er
vermutet aber auch, dass in der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit
ein Moment der ‚allgemeinen Arbeit‘ enthalten ist, das in seiner
besonderen Materialität bzw. Stofflichkeit über die Grenzen der privaten
Arbeit als gesellschaftlicher Form der Arbeit unter der Herrschaft der
kapitalistischen Produktionsweise hinausdrängt – ohne sie aber deswegen als
solche bereits aufzuheben. Produktionsgeheimnis und Patent sind
kapitalistische Formen, um allegemeine Artbeit zu ermöglichen, vergleichbar
der Aktiengesellschaft, die Marx als kapitalistische Form von
Vergesellschaftung analysiert hat. Die spezifische Konstellation des neuen Typus
von wissenschaftlichem Wissen, das derart an den Grenzen der
kapitalistischen Produktionsweise neue Foremen hervortreibt, schlägt er
hypothetisch vor, mit dem Konzept der ‚fraktalen Bio-Informatik‘ zu erschließen.
Schließlich sollte auch zwischen dem historischen Begriff das Kapitals
als ein Klassenverhältnis und einer in der Ökonomie verbreiteten
ahistorischen Konzeption von Kapital als zu investierender Geld- oder
Ressourcenvorrat unterschieden werden.

Stefan Meretz schlägt vor, das Verhältnis von materieller und
immaterieller Arbeit zu wenden und als Verhältnis von produktiver und
unproduktiver Arbeit sowie allgemeiner und privater Arbeit zu diskutieren. Am
Beispiel der Produktion von Informations- und Wissensgütern zeigt er, dass
Universalgüter durch allgemeine Arbeit entstehen, die genuin
kapitalunproduktiv ist. Dies gilt auch dann, wenn Universalgüter durch Formen
künstlicher Verknappung in Bezahlgüter transformiert werden. Demgegenüber
repräsentiert die Produktionsweise Freier Software und Kulturgüter die
adäquatere soziale Form, die im Kern auf eine Gesellschaft jenseits
von Ware, Geld, Markt und Staat verweist.

Abstract Meretz:

Beitrag zum Poduim von Stefan Meretz (Wege aus dem Kapitalismus)

Die Verbindungslinien zweier zunächst disjunkter Themen sind zu rekonstruieren. Immaterielle Arbeit ist eine solche, die „Dienstleistungen, kulturelle Produkte, Wissen oder Kommunikation produziert“ (Hardt/Negri: Empire, S. 302). Ökonomietheoretisch ist mit diesem Begriff jedoch nicht viel gewonnen. Mit ihm kann weder geklärt werden, ob der Kapitalismus auf Grundlage immaterieller Arbeit in der Lage ist, sich als System der „Verwertung von Wert“ (Marx) zu reproduzieren, noch ob es gelingen kann, ihn als System zu transzendieren. Um die Rolle von immaterieller Arbeit im Verwertungsprozess zu begreifen, ist der Begriff der produktiven/unproduktiven Arbeit geeigneter. Er fasst die Rolle von Arbeit im erweiterten Reproduktionszyklus des Kapitals, den Marx auf die Formel G-W-G‘ brachte. Ist Arbeit konstitutiver Beitrag zum G‘, so ist sie produktiv; ist sie Abzug davon, so ist sie unproduktiv.

Ein genauerer Blick in den Bereich der Produktion von Informations- und Wissensgütern hilft, diesem Verhältnis näher zu kommen. Hierbei zeigt sich, dass ein weiteres Begriffspaar den analytischen Zugang erschließt, nämlich allgemeine und private Arbeit. Kapitalismus kann auch als sich bewegender Widerspruch von Arbeit in privater Form, die sich als allgemeine Arbeit bewähren muss, gefasst werden. Als Allgemeines und damit Gesellschaftliches bewährt sich Privatarbeit nur, wenn sie sich als Wertding im Tausch realisieren kann. Die gesellschaftliche Vermittlung über den Wert gelingt jedoch nur unter Absehung jeder Besonderheit, gelingt nur als Abstrakt-Allgemeines. Diese Abstraktion ist kein Denkvorgang, sondern Ergebnis eines Handlungsvollzugs, ist Realabstraktion. Entsprechend ist „abstrakte Arbeit“ nicht auf der sinnlich-konkreten Ebene angesiedelt, ist in diesem Sinne nichts, was an-sich existieren würde, sondern „abstrakte Arbeit“ ist die realabstraktive Widerspiegelung des gesellschaftlichen Verhältnisses des Werts in der Arbeit: Es zählt nur, was Arbeitszeit in einer Ware inkarniert auf dem Markt erlöst werden kann — ob in Form von Landminen oder Babybrei ist unerheblich.

Mit Informations- und Wissensgütern tritt nun eine neue Klasse von Gütern auf, die Universalgüter genannt werden können. Ihre Besonderheit ist es, dass sie durch allgemeine, genauer: konkret-allgemeine Arbeit entstehen. Konkret-allgemeine Arbeit kann jedoch gerade nicht mehr das leisten, was die Wertabstraktion leistet: Die Reduktion der Verausgabung menschlicher Lebensenergie auf ein unterschiedloses Maß. Anders ausgedrückt: Konkret-allgemeine Arbeit kann im Unterschied zu abstrakt-allgemeiner Arbeit keinen Wert bilden, denn sie repräsentiert bereits „ohne Umweg“ Allgemeines. Sie besitzt also bereits die gesellschaftliche Geltung, die Privatarbeit erst über die Wertabstraktion erzwingen muss. Sie ist unmittelbar gesellschaftliche Arbeit und damit vergleichbar der Wissenschaft genuin wertunproduktiv.

Konkret-allgemeine Arbeit ist widersprüchlich in die dominante fetischistische Konstitution von Gesellschaftlichkeit über „Arbeit“ eingebunden, und gleichzeitig überschreitet sie diese Einbindung. Dies wird an den möglichen Formen deutlich, in denen sich dieser Widerspruch ausdrücken kann. Als privatisiertes Universalgut erhält etwa proprietäre Software eine warenförmige Hülle, zumeist unterstützt durch Rechtsform und Kopierschutz. Das genuin unknappe Universalgut wird künstlich verknappt, um zum Bezahlgut mutieren zu können. Ein privatisiertes Universalgut ist Ergebnis privatisierter konkret-allgemeiner Arbeit. Freie Software andererseits emanzipiert sich von der privaten Form und Restriktion, sie ist als freies universelles Gut Ergebnis konkret-allgemeiner Arbeit und besitzt sui generis gesellschaftliche Geltung. Freie Software ist die Universalgütern angemessene Produktionsweise. Sie verweist mithin auf eine Vergesellschaftungsform jenseits von Ware, Geld, Markt und Staat. Das macht ihrem Keimform-Charakter aus.